Historie

Küche Historie Neubiberger Hof

Meine Urgroßeltern, das waren die Eheleute Michael und Centa Hartl, müssen sich um das Jahr 1910 in Neubiberg niedergelassen haben. Ich selbst, Jahrgang 1963, kenne diese Geschichte von einem noch lebenden Onkel, Jahrgang 1944, der der Enkel besagter Eheleute ist.

Im Jahr 1910 war die „Gemeinde Neubiberg" noch weit von dem entfernt was sie heute ist. Aber schlaue und findige Unternehmer und Kaufleute aus dem „Grundstücks- und Immobilienbereich" wandten damals schon das an, was auch heute noch gemacht wird. Man suchte ein verkehrsgünstiges gelegenes und landschaftlich reizvolles Gebiet und entwarf eine „Reißbrettstadt in der Natur". Daran war sicherlich gut verdient. In einem Artikel der Münchner Ostzeitung aus dem Jahr 1911 hieß es sogar: „So ist in der letzten Zeit ein Teil der Wälder bei Neubiberg von Spekulanten aufgekauft worden". Das war sozusagen der Startschuß für Neubiberg.

115 Jahre später darf man sagen, dass der Plan aufgegangen ist. Für Neubiberg 2025 gilt, dass es kaum mehr bebaubare Flächen gibt. Im Jahr 1910 brauchte man dazu noch einen Aufhänger, ein Verkaufsargument. Die „Gartenstadt Neubiberg" wurde geboren und damit auch der Gartenstadtcharakter. Mit dem heute noch geworben wird. Letztendlich stammte die Gartenstadtbewegung ursprünglich aus England und war ein Urbanisierungsprojekt.

Ausschlaggebend für den „Standort Neubiberg" war eine Eisenbahnlinie, die vom Münchner Ostbahnhof über München-Giesing in das 25 Kilometer südöstlich von München gelegene Aying führte. Warum nicht eine „Haltestelle Neubiberg" einrichten? Der Bahnhof Neubiberg wurde im Jahr 1914 fertig gestellt. Und gleich daneben ein Geschäft, vielleicht war es damals so etwas wie ein „gastronomischer Betrieb", der sich auf die Verpflegung der Reiselustigen und Natursuchenden spezialisiert hatte. Geld sollen jene Reisenden den Erzählungen meines Onkels nach aber weniger gehabt haben, demnach soll es hauptsächlich beim Verkauf von Bier und „Kracherl" (Sirup mit Wasser) geblieben sein.

Meine Urgroßeltern sollen jenen Betrieb ein paar Jahre geführt haben, bis das Gebäude abgerissen wurde. Es schien sich gelohnt zu haben und die Aussichten waren wohl gut gewesen und die beiden entschlossen sich, auf einem Grundstück neben dem Bahnhof zu bauen. Im Jahr 1924 wurde das Gebäude mit der „Bahnhofsrestauration Neubiberg" fertig gestellt und der Grundstock für den „Neubiberger Hof" gelegt.

Es muß sich um ein relativ großes Grundstück gehandelt haben, vielleicht war der „Neubau" auch durch geschickte „Grundstückspekulationen" meiner Urgroßeltern möglich geworden, aber die Bezeichnung „Hof" rührte daher, dass es sich um einen mit vielen alten Kastanienbäumen bewachsenen Hof oder Platz handelte. Heute wäre es ein imposanter Biergarten. Es muß viele Jahre lange ein idyllisches Ausflugsziel für die Münchner Stadtbewohner gewesen sein, wobei man erwähnen muß, dass die Münchner Innenstadt nur zehn Kilometer Luftlinie entfernt ist und Neubiberg durch die Bahnlinie leicht zu erreichen war. Zudem dürfte die Eröffnung des Neubiberger Flugplatzes (Flugplatz München Süd) im Jahr 1933 eine „unterstützende Rolle" gespielt haben, was die Beherbergung und Verköstigung von vielerlei Besuchern anging. Die alten Kastanienbäume fielen im Jahr 1945 den amerikanischen Besatzern zum Opfer. Direkt über dem Haus bzw. dem Gebäude verlief die Einflugschneise für die schweren Transportmaschinen der Amerikaner, später der Deutschen Luftwaffe. Da mussten die großen Bäume alle weg. Ein paar Gebäude, darunter der Neubiberger Hof, bekamen starke rote Positionslichter aufs Dach gesetzt, damit die Piloten auch in der Nacht wussten, wo es lang ging. Ab dem Jahr 1967 nahmen für die lärmgeplagten Bewohner die Qualen ein Ende. Der Flugbetrieb mit den schweren Maschinen wurde eingestellt.

Was die familiären Entwicklungen in den Zeiten vor dem zweiten Weltkrieg anging finde ich folgende Begebenheit im Rückblick höchst amüsant. Weil es zeigt wie die Menschen immer wieder durch wie auch immer geartete Zufälle zusammen finden (oder zusammengefunden werden). In diesem Fall wurde recht raffiniert miteinander verkuppelt. Meine Großmutter Centa, geb. 1915, war eine bildhübsche Frau. Auch deren Bruder Hans, geb. 1910, wusste um diese Schönheit und tat sein Bestes um ihm genehme Wege zu finden und somit den richtigen Ehemann für seine Schwester. Seines Zeichens gelernter Metzger (mit Laden im Gebäude Neubiberger Hof) und tatkräftiger Bursche hielt er Ausschau nach einem sympathischen Schwager. Er selbst, der Hans, war in der Umgebung und der Stadt bekannt wie ein „bunter Hund", was an seinem außergewöhnlichen Auftreten lag. Er kam viel in der Münchner Stadt rum. Auf dem Münchner Oktoberfest hat er Bekanntschaft mit einem in einem Wiesnzelt tätigen Schenkkellner namens Josef Söltl gemacht. Jener Josef Söltl kam aus dem Kreis Pfaffenhofen a.d. Ilm um sein Glück abseits der Provinz in der bayerischen Landeshauptstadt zu suchen. Die Geschichte, die erzählt wurde ging dann so, dass der Hartl Hans dem Söltl Josef gesagt hat, er „hätte da eine Schwester, die bräuchte einen Mann". Und so kam der Söltl Sepp aus Reichertshofen um 1935 nach Neubiberg. Und blieb und heiratete im Jahr 1945 die Hartl Kreszenz. Meine Großeltern mütterlicherseits.

Mein Großvater Josef kehrte im Jahr 1945 und dem Kriegsende zu Fuß aus Russland zurück. Da war die gemeinsame Tochter Hildegard (alle bekannt als Bobby) bereits sieben Jahre alt. Mein Großvater war geschäftlich gesehen ein visionärer Mann. Die Gaststätte/Wirtschaft genügte ihm nicht. Deshalb baute er im Jahr 1949 auf dem freien Platz hinter der Gaststätte ein Kino. Neubiberg hatte ein Kino und es war zehn Jahre lang ein Riesenerfolg. Fernsehen gab es noch nicht und eine Kombination aus Gaststätte mit Kino hatte was Ausgehen und Unterhaltung anging in diesen Zeiten wohl einen besonderen Reiz. Es war die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders und die Menschen blühten in einer neuen Umgebung auf. Der Luxus war weniger wichtig, man wuchs in den Wohlstand hinein. Ende der 1950er Jahre tauchten die ersten Fernsehgeräte auf. Mein Großvater war was Trends angeht immer vorn dabei. Er kaufte einen Fernseher und stellte diesen in einem großen Nebenraum in der Gaststätte auf. Und so muß die im Fernsehen übertragene Fußballweltmeisterschaft im Jahr 1958 historisch gesehen etwas ganz besonderes gewesen sein. Denn noch nie hatten sich Fußballbegeisterte in einem Wirtshaus zusammengefunden um sich eine Fußball-WM im (neuartigen) Fernsehen anzuschauen. Das war alles neu und ich glaube, dass man selbst auf einem normalgroßen Bildschirm vor lauter Gedränge und Begeisterung (samt Zwischenrufen) kaum etwas mitbekommen hat. Vom Empfang über Antenne ganz zu schweigen. Aber man war dabei. Vier Jahre später war es anders, da hatte ein Teil der Bevölkerung schon einen Fernseher im eigenen Wohnzimmer. Vier Jahre später war auch das Kino schon zwei Jahre geschlossen, weil die Zuschauer lieber im eigenen Wohnzimmer Unterhaltung suchten. Meinem Großvater dürfte das egal gewesen sein, er hatte schon einen neuen Trend entdeckt und baute im Jahr 1960 zwei Kegelbahnen auf dem Gelände. Voll automatisiert. Die es heute noch gibt.

Im Jahr 1972 starb meine Großmutter Centa und meine Mutter musste das Geschäft übernehmen, bzw. meine Eltern mussten in jungen Jahren das Geschäft weiterführen. Meine Eltern heirateten Mitte der 1960er und ab 1972 waren für meinen Bruder Bernhard (Jahrgang 1967) und mich (Jahrgang 1963) auch andere Zeiten angebrochen. Ohne das wir es geahnt hätten. „Mithelfen im elterlichen Betrieb“ war angesagt und wir beide wuchsen in diese Helferrollen hinein. Küchendienste (hier Abspülen – als Tausch gegen sonntäglichen Kirchgang), Schankdienste und Einkaufsdienste aller Art waren im Laufe der Jahre auf der Tagesordnung. Heutzutage undenkbar, damals nicht. Mich stellten sie in die Schenke und weil ich nicht an den Zapfhahn zum Einschenken herankam, stellten sie mich auf einen umgedrehten Bierträger. Ich würde größer, der Bierträger kam weg und ich schenkte weiter ein. Dass man später im Erwachsenenleben organisatorisch viel Geschick aufweist versteht sich von selbst, denn wenn ich Getränke in den Kühlfächern zum Auffüllen vergaß, musste ich wieder in den Bierkeller. Das waren Zeiten. Am Stammtisch bzw an den Tischen wurde geraucht, Rauchschaden standen in der Luft und ich stand hinter der Theke. Die meisten Stammtischler waren bequem genug um sich ihre Zigaretten nicht selbst aus dem Automaten zu ziehen. Sie gaben mir drei Mark (später wurden es preismäßig mehr) und ich holte die Zigaretten. Heute undenkbar und unfassbar, damals in den 1970ern normal. Ich kannte sogar die Stamm-Zigarettenmarken der Stammtischler. Es gab Zeiten, da kam die einzige Bedienung nicht mehr mit und die Gäste standen Schlange vor meiner Theke und holten sich ihr Bier. Manche waren mir besonders wichtig und hatten bei mir VIP-Status und wurden bevorzugt behandelt. So beispielsweise der Max, seines Zeichens Konrektor an der hiesigen Realschule, die ich besuchte. Heutzutage würde man sagen ein Win-win-Situation.

Meine Mutter war das, was man eine echte bayerische Wirtin nennt. Das war kein Beruf, sondern Berufung. Das Haus, die Gaststätte, die Wirtschaft, die Gäste – das alles war ihr Leben. Im Schlepptau die Familie. Mein Vater, mit Vornamen Erwin, ausgebildeter Automechaniker, entpuppte sich als Allround-Genie. Ein genialer Handwerker im Haus für alle Reparaturarbeiten war zu wenig. In der Küche war er die Fleischzubereitung zuständig. Man hatte ihn ganz raffiniert herangeführt und dann kam er nicht mehr los. Rückblickend betrachtet war er am Hackstock ein Genie. Die Zubereitung, das Schneiden von Fleisch beispielsweise war das kein Schneiden, da war ein Künstler am Werk. Wenn ein Schnitzel 180 Gramm hatte, dann hatte es 180 Gramm. Und kein Gramm mehr oder weniger, ohne Waage übrigens. Im Jahr 1991 starb mein Großvater Josef. Vier Jahre später ließen meine Mutter und Ihr Bruder Josef das alte Gebäude aus den 1924ern abreißen und bauten neu. Das ist das Gebäude, wie es heute noch steht. Mit dem Neubau und den 1990er Jahren begannen wieder andere Zeiten. Anfangs schleichend und unbemerkt begannen die Globalisierung und die Computerisierung der Gesellschaft. Die alten Zeiten aus den 1970er, 1980er Jahren wurden von etwas Neuen abgelöst. Und meine Eltern füllte das Geschäft mit Gaststätte und Fremdenzimmervermietung voll aus. Sie lebten sozusagen dieses Geschäft, besonders meine Mutter und etwas anderes zu machen, sei es auch Ruhestand, kam nicht in Frage. Solange es gesundheitlich ging war Gaststätten-Unruhestand angesagt. Sie brauchte die Gäste, sei es Stammtisch- oder Zimmergäste. Diese Wirtschaft war eine lokale Nachrichtenzentrale und die Wirtin, Bobby Kreuzer, überall bekannt. Und Sie ermöglichte sich mit der Gästezimmervermietung einen Lebenstraum, wie sie einmal bekannte. Meine Mutter ist im Mai 2021 verstorben. Sie vermachte das, was 1924 begann, ihren Kindern und ihren Ehemann. Wir machen weiter. Wir sind ein familiärer Betrieb, gegr. 1924, wir betreiben einen Gasthof Garni (im Moment) und die Chancen stehen gut, dass der Betrieb in der Familie weitergeführt wird. Rückblickend betrachtet waren es stets die weiblichen Mitglieder in der Familie, die das organisatorische Zepter in der Hand hielten und den „Betrieb lebten“. Wir Männer haben uns eher im Hintergrund gehalten, sind also die kleinen Zahnräder, die dafür zuständig sind, dass der Betrieb rund läuft. Wir freuen uns, SIE als unsere Gäste „willkommen“ zu heißen und begrüßen zu dürfen. Sei es für spontane München-Trips oder kulturelle Besuche oder besondere Events in München oder Umgebung, für Messeveranstaltungen oder Oktoberfestbesuche. Neubiberg, ganz nah an der „Weltstadt mit Herz“. Und psst, unter uns, was die wenigsten wissen. Ganz in der Nähe, auf Münchner Stadtgebiet, in Waldperlach, gibt es ein (ich nenne es) „Neubiberger Stonehenge“, einen „keltischen Steinkreis“. Steinkreis ist eigentlich zu wenig. Es ist eine richtige Anlage. Das sollte man sich anschauen. Falls es Sie interessiert....